Campingurlaub ist gefragt wie nie

Zelte auf Spiekeroog, Sturmzelte

Die Campingplätze sind voll, die Nachsaison wird zum Geheimtipp und die Hersteller kommen mit der Produktion von Wohnmobilen und Wohnwagen nicht mehr nach. Warum die Branche gerade jetzt so boomt.

Der Trend ist ganz offensichtlich: Die Menschen wollen hinaus in die Natur und zumindest im Urlaub ein bisschen freier und ungezwungener leben als im Alltag. Dass es jedes Jahr ein bisschen enger auf den Campingplätzen Europas wird, ist die Folge dieses in seinen Dimensionen ganz erstaunlichen Booms. Er führt längst dazu, dass viele die Nachsaison nutzen, um sich die schönsten Stellplätze direkt am Meer oder an einem Flussufer aussuchen zu können. Der Urlaub mit Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil ist beliebter denn je, und die Hersteller von Campingwägen kommen mit der Produktion nicht mehr nach. Denn ein Campingurlaub hat heute durchaus einen gewissen Luxusfaktor und hat mit dem rustikalen Charme aus Kindertagen nichts mehr zu tun.

Woher aber kommt dieser Trend? Warum geben die Menschen Summen im Schnitt von gut 50 000 Euro aus, um neben Haus oder Wohnung zusätzlich ein fahrbares Zuhause zu besitzen? Gut 500 000 Reisemobile und 800 000 Wohnwägen sind derzeit in Deutschland zugelassen – rein rechnerisch ist das, als hätte jeder Einwohner von Frankfurt und Stuttgart einen eigenen Camper. Oder wahlweise zusammengenommen jeder Düsseldorfer, Leipziger und Leverkusener.

Einer der Gründe ist, dass die Menschen auf der Suche nach sicheren Ferienzielen zielen. Die Angst vor Anschlägen im Ausland oder der Unlust, Reiseziele wie die Türkei zu buchen, beschert dem Camping-Urlaub zusätzlich einen enormen Aufschwung. „Doch das ist nur ein Aspekt“, meint Alexander Kempe, der sich als Pressereferent der Messe Caravan Salon in Düsseldorf intensiv mit der Branche beschäftigt: „Die Menschen wollen einerseits der Natur nahe sein. Andererseits ist auch die hohe Mobilität immer wichtiger. Camper lieben, dass sie bei dieser Urlaubsform eine sehr hohe Entscheidungsfreiheit ausleben können. Sobald sie Lust haben, können sie innerhalb von ein paar Stunden dorthin weiterziehen, wo sie wollen.“ Gerade in einer immer stärker reglementierten Welt ist das ein Aspekt, der für viele wertvoll ist.

Abgesehen davon lassen sich mit einem Wohnmobil auch relativ unbekannte Städte und Regionen unkompliziert kennenlernen. Denn selbst wenn es keinen Campingplatz gibt, wird die Anzahl von städtischen Stellplätzen mit Entsorgungsstationen für die Toiletten und Frischwasseranschluss von Jahr zu Jahr größer. Das Städtchen Eichstätt beispielweise hat an seinem Stellplatz direkt am Flüsschen Altmühl sogar einen Grillplatz – mit stets bereitstehendem Feuerholz. Oftmals fallen für die Wohnwägen und –mobile nicht einmal Gebühren an, und an manchen Orten, wie beispielsweise in Dresden, fährt morgens ein Bäckereiwagen mit frischen Brötchen, Kuchen und süßen Stückchen vor, an dem die Camper ihr Frühstück kaufen können.

Ein entscheidender Grund für den Campingboom ist die in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegene Qualität der Campingplätze. Wer nur einstmalige Standards kannte und sich an kalte Duschen und winzige, modrige Waschhäuschen erinnert, oder mit Grausen an die berüchtigten Toilettenhäuser des einstigen Jugoslawien zurückdenkt, wird heute überrascht sein. Separate und bestens gepflegte individuelle Waschkabinen sind oft Standard, und viele Plätze vor allem im Bayerischen Wald oder in Südtirol haben als Zusatzangebote längst Wellnessanlagen, die mit den Saunawelten in guten Skihotels leicht mithalten können.
Der Trend zum hochwertigen Camping setzt sich auch bei der Ausstattung der Wohnwägen und Reisemobile fort. Flachbildschirme, separate Schlafzimmer, eine Fußbodenheizung und eine weitgehend autarke Stromversorgung durch Photovoltaikanlagen oder Brennstoffzellen sind nichts Ungewöhnliches mehr. Die Innenausstattung besteht heute aus stylishen Furnieren und modernen Stoffen – und ist meist kein bisschen spießig.
Den größten Umbruch gab es in den vergangenen zehn Jahren wohl bei den Küchen. Ausladende Kühlschränke mit großem Gefrierfach und Auszüge in den Schränken sind Normalausstattung. Lediglich Spülmaschinen, die es auch in sehr kleinen Abmessungen gibt, haben noch Exotenstatus.

Auch  ein Kaminofen, eine Sauna und ein zweites Bad sind denkbar. Doch diese Extras sind Luxus-Mobilen vorbehalten, die oft weit jenseits der 150 000-Euro-Marke liegen.
Einer der Faktoren für die hohen Neuzulassungen auch der gängigen Reisemobile im Preisrahmen ab 35 000 Euro bis 70 000 Euro sind die niedrigen Zinssätze. „Die Leute bekommen auf der Bank keine Zinsen mehr“, weiß Stefan Koschke: „Und so mancher, der ob des hohen Kaufpreises bisher lange gezögert hat, legt heute sein Geld jetzt für einen Wohnwagen oder ein Wohnmobil an.“ Oder finanziert sein Freizeitfahrzeug komplett übereinen Kredit, berichteten übereinstimmend Händler bei der Messe CMT in Stuttgart –  ebenfalls aufgrund der niedrigen Zinsen. Ein großer Teil der Mobile wird den Händlern zufolge momentan nicht bar bezahlt.

Wie sich der Boom in Zahlen auswirkt, weiß der Caravaning-Industrie-Verband. Er gab im Juli dieses Jahres bekannt, dass die Zulassungen von Freizeitfahrzeugen, zu denen Wohnmobile und Wohnwägen zählen, im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres um mehr als zwölf Prozent zulegten. Die Folge ist ein zeitweise sehr enges Angebot und lange Lieferzeiten. Der Hersteller Dethleffs beispielsweise, der nach eigenen Angaben in Isny die größte deutsche Produktionsstätte für Wohnmobile besitzt, baut seine Produktionskapazität bis Mitte 2018 um 50 Prozent aus.

Alexander Kempe vom Caravan-Salon geht davon aus, dass sich der Trend zum Camping weiter fortsetzen wird. „Selbst diejenigen, die gemeinhin vor zu viel Optimismus warnen, sehen keine Abbruchkante“, sagt der 44-Jährige: „Ein Ende des Booms jedenfalls ist nicht erkennbar.“ Es ist daher durchaus sinnvoll, die ruhigere Zeit der Nachsaison oder gar den Winter als Reisezeit zu erwägen. Viele Campingplätze auch in Deutschland haben inzwischen das ganze Jahr über geöffnet. Eine Reservierung für den nächsten Sommer ist meist jetzt schon möglich und für all diejenigen die sinnvoll, die einen bestimmten Stellplatz wollen. Wer außerdem auf der Suche nach einem neuen Reisemobil oder Wohnwagen ist, sollte schon jetzt auf die Messen oder zu den Händlern gehen, um keine bittere Enttäuschung zu erleben, wenn das Traumfahrzeug bis in den Sommer 2018 hinein vielleicht längst ausverkauft ist.

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